Ist dabei überhaupt noch Individualität möglich? Kann man den Menschen selbst als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus einem Ganzen herauswächst, und in ein Ganzes sich eingliedert?
Das Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und Funktionen nach durch das Ganze bestimmt. Ein Volksstamm ist ein Ganzes, und alle zu ihm gehörigen Menschen tragen die Eigentümlichkeiten an sich, die im Wesen des Stammes bedingt sind. Wie der einzelne beschaffen ist und wie er sich betätigt, ist durch denStammescharakter bedingt. Dadurch erhält die Physiognomie und das Tun des einzelnen etwas Gattungsmäßiges. Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus dem Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen. Diese erklärt es uns, warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.
Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei. Denn das menschlich Gattungsmäßige ist, vom Men
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schen richtig erlebt, nichts seine Freiheit Einschränkendes, und soll es auch nicht durch künstliche Veranstaltungen sein. Der Mensch entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen können. Das Gattungsmäßige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Grundlage und gibt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße Form. Wir suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt werden kann. Ist ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir wollen alles, was an ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ.
Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man
seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt. Am
hartnäckigsten im Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo
es sich um das Geschlecht des Menschen handelt. Der Mann
sieht im Weibe, das Weib in dem Manne fast immer zuviel von
dem allgemeinen Charakter des anderen Geschlechtes und zu
wenig von dem Individuellen. Im praktischen Leben schadet das
den Männern weniger als den Frauen. Die soziale Stellung der
Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie in
vielen Punkten, wo sie es sein sollte, nicht bedingt ist
durch die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen
Frau, sondern durch die allgemeinen Vorstellungen, die man
sich von der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen des
Weibes macht. Die Betätigung des Mannes im Leben richtet sich
nach dessen
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individuellen Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll
ausschließlich durch den Umstand bedingt sein, daß es eben
Weib ist. Das Weib soll der Sklave des Gattungsmäßigen, des
Allgemein-Weiblichen sein. Solange von Männern darüber
debattiert wird, ob die Frau «ihrer Naturanlage nach» zu
diesem oder jenem Beruf tauge, solange kann die sogenannte
Frauenfrage aus ihrem elementarsten Stadium nicht
herauskommen. Was die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das
überlasse man der Frau zu beurteilen. Wenn es wahr ist, daß
die Frauen nur zu dem Berufe taugen, der ihnen jetzt zukommt,
dann werden sie aus sich selbst heraus kaum einen anderen
erreichen, Sie müssen es aber selbst entscheiden können, was
ihrer Natur gemäß ist. Wer eine Erschütterung unserer
sozialen Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als
Gattungsmenschen, sondern als Individuen genommen werden, dem
muß entgegnet werden, daß soziale Zustände, innerhalb welcher
die Hälfte der Menschheit ein menschenunwürdiges Dasein hat,
eben der Verbesserung gar sehr bedürftig sind*.
Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der
kommt eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie
* Man hat mir auf die obigen Ausführungen gleich beim
Erscheinen (1894) dieses Buches eingewendet, innerhalb des
Gattungsmäßigen könne sich die Frau schon jetzt 50
individuell ausleben, wie sie nur will, weit freier als der
Mann, der schon durch die Schule und dann durch Krieg und
Beruf entindividualisiert werde. Ich weiß, daß man diesen
Einwand vielleicht heute noch stärker erheben wird. Ich muß
die Sätze doch hier stehen lassen und möchte hoffen, daß es
auch Leser gibt, die verstehen, wie stark ein solcher Einwand
gegen den Freiheitsbegriff, der in dieser Schrift entwickelt
wird, verstößt, und die meine obigen Sätze an anderem
beurteilen als an der Entindividualisierung des Mannes durch
die Schule und den Beruf.
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anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung auf freier
Selbstbestimmung beruht. Was unterhalb dieser Grenze liegt,
das kann natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung
sein. Die Rassen, Stammes, Volks, und
Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer
Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als Exemplare der
Gattung leben wollten, könnten sich mit einem allgemeinen
Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche Betrachtung
zustande kommt. Aber alle diese Wissenschaften können nicht
vordringen bis zu dem besonderen Inhalt des einzelnen
Individuums. Da, wo das Gebiet der Freiheit (des Denkens und
Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums nach
Gesetzen der Gattung auf. Den begrifflichen Inhalt, den der
Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung in Verbindung
bringen muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen
(vgl. S.88 ff.), kann niemand ein für allemal festsetzen und
der Menschheit fertig hinterlassen. Das Individuum muß seine
Begriffe durch eigene Intuition gewinnen. Wie der einzelne zu
denken hat, läßt sich nicht aus irgendeinem Gattungsbegriffe
ableiten. Dafür ist einzig und allein das Individuum
maßgebend. Ebensowenig ist aus allgemeinen
Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das
Individuum seinem Wollen vorsetzen will. Wer das einzelne
Individuum verstehen will, muß bis in dessen besondere
Wesenheit dringen, und nicht bei typischen Eigentümlichkeiten
stehen bleiben. In diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch ein
Problem. Und alle Wissenschaft, die sich mit abstrakten
Gedanken und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine
Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zuteil wird, wenn
uns eine menschliche Individualität ihre Art, die Welt
anzuschauen, mitteilt, und
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zu der anderen, die wir aus dem Inhalt ihres Wollens
gewinnen. Wo wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit
demjenigen an einem Menschen zu tun, das frei ist von
typischer Denkungsart und gattungsmäßigem Wollen, da müssen
wir aufhören, irgendwelche Begriffe aus unserem Geiste zu
Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen. Das
Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit der
Wahrnehmung durch das Denken. Bei allen anderen Objekten muß
der Beobachter die Begriffe durch seine Intuition gewinnen;
beim Verstehen einer freien Individualität handelt es sich
nur darum, deren Begriffe, nach denen sie sich ja selbst
bestimmt, rein (ohne Vermischung mit eigenem Begriffsinhalt)
herüberzunehmen in unseren Geist. Menschen, die in jede
Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe
einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer
Individualität gelangen. So wie die freie Individualität sich
frei macht von den Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß das
Erkennen sich frei machen von der Art, wie das Gattungsmäßige
verstanden wird.
Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der
gekennzeichneten Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen,
kommt er als freier Geist innerhalb eines menschlichen
Gemeinwesens in Betracht. Kein Mensch ist vollständig
Gattung, keiner ganz Individualität. Aber eine größere oder
geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich
ab, ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens,
wie von den ihn beherrschenden Geboten menschlicher
Autoritäten.
Für den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche
Freiheit nicht erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb
des Natur, und Geistesorganismus. Er lebt in dieser Hin
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sicht, wie er es andern abguckt, oder wie sie es ihm
befehlen. Einen im wahren Sinne ethischen Wert hat nur der
Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt.
Und was er an moralischen Instinkten durch Vererbung sozialer
Instinkte an sich hat, wird ein Ethisches dadurch, daß er es
in seine Intuitionen aufnimmt. Aus individuellen ethischen
Intuitionen und deren Aufnahme in Menschengemeinschaften
entspringt alle sittliche Betätigung der Menschheit. Man kann
auch sagen: das sittliche Leben der Menschheit ist die
Gesamtsumme der moralischen Phantasieerzeugnisse der freien
menschlichen Individuen. Dies ist das Ergebnis des Monismus.
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