Die Philosophie der Freiheit
Die Wirklichkeit der Freiheit
XII
DIE MORALISCHE PHANTASIE
(DARWINISMUS UND SITTLICHKEIT)
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Der freie Geist handelt nach seinen Impulsen, das sind
Intuitionen, die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt durch das
Denken ausgewählt sind. Für den unfreien Geist liegt der
Grund, warum er aus seiner Ideenwelt eine bestimmte Intuition
aussondert, um sie einer Handlung zugrunde zu legen, in der
ihm gegebenen Wahrnehmungswelt, das heißt in seinen
bisherigen Erlebnissen. Er erinnert sich, bevor er zu einem
Entschluß kommt, daran, was jemand in einem dem seinigen
analogen Falle getan oder zu tun für gut geheißen hat, oder
was Gott für diesen Fall befohlen hat und so weiter, und
danach handelt er. Dem freien Geist sind diese Vorbedingungen
nicht einzige Antriebe des Handelns. Er faßt einen
schlechthin ersten Entschluß. Es kümmert ihn -- dabei
ebensowenig, was andere in diesem Falle getan, noch was sie
dafür befohlen haben. Er hat rein ideelle Gründe, die ihn
bewegen, aus der Summe seiner Begriffe gerade einen
bestimmten herauszuheben und ihn in Handlung umzusetzen.
Seine Handlung wird aber der wahrnehmbaren Wirklichkeit
angehören. Was er vollbringt, wird also mit einem ganz
bestimmten Wahrnehmungsinhalte identisch sein. Der Begriff
wird sich in einem konkreten Einzelgeschehnis zu
verwirklichen haben. Er wird als Begriff diesen Einzelfall
nicht enthalten können. Er wird sich darauf nur in der Art
beziehen können, wie überhaupt ein Begriff sich auf eine
Wahrnehmung bezieht, zum Beispiel wie der Begriff des Löwen
auf einen einzelnen Löwen. Das Mittelglied zwi
191
schen Begriff und Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. 5.
107 f.). Dem unfreien Geist ist dieses Mittelglied von
vornherein gegeben. Die Motive sind von vornherein als
Vorstellungen in seinem Bewußtsein vorhanden. Wenn er etwas
ausführen will, so macht er das so, wie er es gesehen hat,
oder wie es ihm für den einzelnen Fall befohlen wird. Die
Autorität wirkt daher am besten durch Beispiele, das heißt
durch Überlieferung ganz bestimmter Einzelhandlungen an das
Bewußtsein des unfreien Geistes. Der Christ handelt weniger
nach den Lehren als nach dem Vorbilde des Erlösers. Regeln
haben für das positive Handeln weniger Wert als für das
Unterlassen bestimmter Handlungen. Gesetze treten nur dann in
die allgemeine Begriffsform, wenn sie Handlungen verbieten,
nicht aber wenn sie sie zu tun gebieten. Gesetze über das,
was er tun soll, müssen dem unfreien Geiste in ganz konkreter
Form gegeben werden: Reinige die Straße vor deinem Haustore!
Zahle deine Steuern in dieser bestimmten Höhe bei dem
Steueramte X! und so weiter. Begriffsform haben die Gesetze
zur Verhinderung von Handlungen: Du sollst nicht stehlen! Du
sollst nicht ehebrechen! Diese Gesetze wirken auf den
unfreien Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine
konkrete Vorstellung, zum Beispiel die der entsprechenden
zeitlichen Strafen, oder der Gewissensqual, oder der ewigen
Verdammnis, und so weiter.
Sobald der Antrieb zu einer Handlung in der
allgemein-begrifflichen Form vorhanden ist (zum Beispiel: du
sollst deinen Mitmenschen Gutes tun! du sollst so leben, daß
du dein Wohlsein am besten beförderst!), dann muß in jedem
einzelnen Fall die konkrete Vorstellung des Handelns (die
Beziehung des Begriffes auf einen Wahrnehmungsinhalt)
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erst gefunden werden. Bei dem freien Geiste, den kein Vorbild
und keine Furcht vor Strafe usw. treibt, ist diese Umsetzung
des Begriffes in die Vorstellung immer notwendig.
Konkrete Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus
produziert der Mensch zunächst durch die Phantasie. Was der
freie Geist nötig hat, um seine Ideen zu verwirklichen, um
sich durchzusetzen, ist also die moralische Phantasie. Sie
ist die Quelle für das Handeln des freien Geistes. Deshalb
sind auch nur Menschen mit moralischer Phantasie eigentlich
sittlich produktiv. Die bloßen Moralprediger, das ist: die
Leute, die sittliche Regeln ausspinnen, ohne sie zu konkreten
Vorstellungen verdichten zu können, sind moralisch
unproduktiv. Sie gleichen den Kritikern, die verständig
auseinanderzusetzen wissen, wie ein Kunstwerk beschaffen sein
soll, selbst aber auch nicht das geringste zustande bringen
können.
Die moralische Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu
verwirklichen, in ein bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen
eingreifen. Die Handlung des Menschen schafft keine
Wahrnehmungen, sondern prägt die Wahrnehmungen, die bereits
vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt. Um ein
bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen,
einer moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß
man den gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise,
die man neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben
will) dieses Wahrnehmungsbildes begriffen haben. Man muß
ferner den Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit
in eine neue verwandeln läßt. Dieser Teil der moralischen
Wirksamkeit beruht auf Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der
man es zu tun
193
hat. Er ist also zu suchen in einem Zweige der
wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt. Das moralische
Handeln setzt also voraus neben dem moralischen Ideenvermögen
* und der moralischen Phantasie die Fähigkeit, die Welt der
Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren naturgesetzlichen
Zusammenhang zu durchbrechen. Diese Fähigkeit ist moralische
Technik. Sie ist in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft
überhaupt lernbar ist. Im allgemeinen sind Menschen nämlich
geeigneter, die Begriffe für die schon fertige Welt zu
finden, als produktiv aus der Phantasie die noch nicht
vorhandenen zukünftigen Handlungen zu bestimmen. Deshalb ist
es sehr wohl möglich, daß Menschen ohne moralische Phantasie
die moralischen Vorstellungen von andern empfangen und diese
geschickt der Wirklichkeit einprägen. Auch der umgekehrte
Fall kann vorkommen, daß Menschen mit moralischer Phantasie
ohne die technische Geschicklichkeit sind und sich dann
anderer Menschen zur Verwirklichung ihrer Vorstellungen
bedienen müssen.
Insofern zum moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte
unseres Handelnsgebietes notwendig ist, beruht unser Handeln
auf dieser Kenntnis. Was hier in Betracht kommt, sind
Naturgesetze. Wir haben es mit Naturwissenschaft zu tun,
nicht mit Ethik.
Die moralische Phantasie und das moralische Ideenvermögen
können erst Gegenstand des Wissens werden, nachdem sie vom
Individuum produziert sind. Dann aber regeln
* Nur Oberflächlichkeit könnte im Gebrauch des Wortes
Vermögen an dieser und andern Stellen dieser Schrift einen
Rückfall in die Lehre der alten Psychologie von den
Seelenvermögen erblicken. Der Zusammenhang mit dem 5. 95 f.
Gesagten ergibt genau die Bedeutung des Wortes.
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sie nicht mehr das Leben, sondern haben es bereits geregelt.
Sie sind als wirkende Ursachen wie alle andern aufzufassen
(Zwecke sind sie bloß für das Subjekt). Wir beschäftigen uns
mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen
Vorstellungen.
Eine Ethik als Normwissenschaft kann es daneben nicht geben.
Man hat den normativen Charakter der moralischen Gesetze
wenigstens insofern halten wollen, daß man die Ethik im Sinne
der Diätetik auffaßte, welche aus den Lebensbedingungen des
Organismus allgemeine Regeln ableitet, um auf Grund derselben
dann den Körper im besonderen zu beeinflussen (Paulsen,
System der Ethik). Dieser Vergleich ist falsch, weil unser
moralisches Leben sich nicht mit dem Leben des Organismus
vergleichen läßt. Die Wirksamkeit des Organismus ist ohne
unser Zutun da; wir finden dessen Gesetze in der Welt fertig
vor, können sie also suchen, und dann die gefundenen
anwenden. Die moralischen Gesetze werden aber von uns erst
geschaffen.Wir können sie nicht anwenden, bevor sie
geschaffen sind. Der Irrtum entsteht dadurch, daß die
moralischen Gesetze nicht in jedem Momente inhaltlich neu
geschaffen werden, sondern sich forterben. Die von den
Vorfahren übernommenen erscheinen dann gegeben wie die
Naturgesetze des Organismus. Sie werden aber durchaus nicht
mit demselben Rechte von einer späteren Generation wie
diätetische Regeln angewendet. Denn sie gehen auf das
Individuum und nicht wie das Naturgesetz auf das Exemplar
einer Gattung. Als Organismus bin ich ein solches
Gattungsexemplar, und ich werde naturgemäß leben, wenn ich
die Naturgesetze der Gattung in meinem besonderen Falle
anwende; als sittliches
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Wesen bin ich Individuum und habe meine ganz eigenen
Gesetze*.
Die hier vertretene Ansicht scheint in Widerspruch zu stehen
mit jener Grundlehre der modernen Naturwissenschaft, die man
als Entwickelungstheorie bezeichnet. Aber sie scheint es nur.
Unter Entwickelung wird verstanden das reale Hervorgehen des
Späteren aus dem Früheren auf naturgesetzlichem Wege. Unter
Entwickelung in der organischen Welt versteht man den
Umstand, daß die späteren (vollkommeneren) organischen Formen
reale Abkömmlinge der früheren (unvollkommenen) sind und auf
naturgesetzliche Weise aus ihnen hervorgegangen sind. Die
Bekenner der organischen Entwickelungstheorie müßten sich
eigentlich vorstellen, daß es auf der Erde einmal eine
Zeitepoche gegeben hat, wo ein Wesen das allmähliche
Hervorgehen der Reptilien aus den Uramnioten mit Augen hätte
verfolgen können, wenn er damals als Beobachter hätte dabei
sein können und mit entsprechend langer Lebensdauer
ausgestattet gewesen wäre. Ebenso müßten sich die
Entwickelungstheoretiker vorstellen, daß ein Wesen das
Hervorgehen des Sonnensystems aus dem Kant-Laplaceschen
Urnebel hätte beobachten können, wenn es während der
unendlich langen Zeit frei im Gebiet des Weltäthers sich an
einem entsprechenden Orte hätte aufhalten können. Daß bei
solcher Vor-
* Wenn Paulsen (5. 15 des angeführten Buches) sagt:
«Verschiedene Naturanlagen und Lebensbedingungen erfordern
wie eine verschiedene leibliche so auch eine verschiedene
geistig-moralische Diät«, so Ist er der richtigen Erkenntnis
ganz nahe, trifft aber den entscheidenden Punkt doch nicht.
Insofern ich Individuum bin, brauche ich keine Diät. Diätetik
heißt die Kunst, das besondere Exemplar mit den allgemeinen
Gesetzen der Gattung in Einklang zu bringen. Als Individuum
bin ich aber kein Exemplar der Gattung.
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stellung sowohl die Wesenheit der Uramnioten wie auch die des
Kant-Laplaceschen Weltnebels anders gedacht werden müßte als
die materialistischen Denker dies tun, kommt hier nicht in
Betracht. Keinem Entwickelungstheoretiker sollte es aber
einfallen, zu behaupten, daß er aus seinem Begriffe des
Uramniontieres den des Reptils mit allen seinen Eigenschaften
herausholen kann, auch wenn er nie ein Reptil gesehen hat.
Ebensowenig sollte aus dem Begriff des KantLaplaceschen
Urnebels das Sonnensystem abgeleitet werden, wenn dieser
Begriff des Urnebels direkt nur an der Wahrnehmung des
Urnebels bestimmt gedacht ist. Das heißt mit anderenWorten:
derEntwickelungstheoretiker muß,wenn er konsequent denkt,
behaupten, daß aus früheren Entwickelungsphasen spätere sich
real ergeben, daß wir, wenn wir den Begriff des
Unvollkommenen und den des Vollkommenen gegeben haben, den
Zusammenhang einsehen können; keineswegs aber sollte er
zugeben, daß der an dem Früheren erlangte Begriff hinreicht,
um das Spätere daraus zu entwickeln. Daraus folgt für den
Ethiker, daß er zwar den Zusammenhang späterer moralischer
Begriffe mit früheren einsehen kann; aber nicht, daß auch nur
eine einzige neue moralischeldee aus früheren geholt werden
kann.Als moralisches Wesen produziert das Individuum seinen
Inhalt. Dieser produzierte Inhalt ist für den Ethiker gerade
so ein Gegebenes, wie für den Naturforscher die Reptilien ein
Gegebenes sind. Die Reptilien sind aus den Uramnioten
hervorgegangen; aber der Naturforscher kann aus dem Begriff
derUramnioten den derReptilien nicht herausholen. Spätere
moralische Ideen entwickeln sich aus früheren; der Ethiker
kann aber aus den sittlichen Begriffen einer früheren
Kulturperiode die der späteren nicht herausholen. Die
Verwirrung
197
wird dadurch hervorgerufen, daß wir als Naturforscher die
Tatsachen bereits vor uns haben und hinterher sie erst
erkennend betrachten; während wir beim sittlichen Handeln
selbst erst die Tatsachen schaffen, die wir hinterher
erkennen. Beim Entwickelungsprozeß der sittlichen Weltordnung
verrichten wir das, was die Natur auf niedrigerer Stufe
verrichtet: wir verändern ein Wahrnehmbares. Die ethische
Norm kann also zunächst nicht wie ein Naturgesetz erkannt,
sondern sie muß geschaffen werden. Erst wenn sie da ist, kann
sie Gegenstand des Erkennens werden.
Aber können wir denn nicht das Neue an dem Alten messen? Wird
nicht jeder Mensch gezwungen sein, das durch seine moralische
Phantasie Produzierte an den hergebrachten sittlichen Lehren
zu bemessen? Für dasjenige, was als sittlich Produktives sich
offenbaren soll, ist das ein ebensolches Unding, wie es das
andere wäre, wenn man eine neue Naturform an der alten
bemessen wollte und sagte: weil die Reptilien mit den
Uramnioten nicht übereinstimmen, sind sie eine unberechtigte
(krankhafte) Form.
Der ethische Individualismus steht also nicht im Gegensatz zu
einer recht verstandenen Entwickelungstheorie, sondern folgt
direkt aus ihr. Der Haeckelsche Stammbaum von denUrtieren bis
hinauf zum Menschen als organisches Wesen müßte sich ohne
Unterbrechung der natürlichen Gesetzlichkeit und ohne eine
Durchbrechung der einheitlichen Entwickelung heraufverfolgen
lassen bis zu dem Individuum als einem im bestimmten Sinne
sittlichen Wesen. Nirgends aber würde aus dem Wesen einer
Vorfahrenart das Wesen einer nachfolgenden Art sich ableiten
lassen. So wahr es aber ist, daß die sittlichen Ideen des
Individuums wahrnehmbar aus denen seiner Vorfahren
hervorgegangen sind,
198
so wahr ist es auch, daß dasselbe sittlich unfruchtbar ist,
wenn es nicht selbst moralische Ideen hat.
Derselbe ethische Individualismus, den ich auf Grund der
vorangehenden Anschauungen entwickelt habe, würde sich auch
aus der Entwickelungstheorie ableiten lassen. Die
schließliche Überzeugung wäre dieselbe; nur der Weg ein
anderer, auf dem sie erlangt ist.
Das Hervortreten völlig neuer sittlicher Ideen aus der
moralischen Phantasie ist für die Entwickelungstheorie gerade
so wenig wunderbar, wie das Hervorgehen einer neuen Tierart
aus einer andern. Nur muß diese Theorie als monistische
Weltanschauung im sittlichen Leben ebenso wie im natürlichen
jeden bloß erschlossenen, nicht ideell erlebbaren jenseitigen
(metaphysischen) Einfluß abweisen. Sie folgt dabei demselben
Prinzip, das sie antreibt, wenn sie die Ursachen neuer
organischer Formen sucht und dabei nicht auf das Eingreifen
eines außerweltlichen Wesens sich beruft, das jede neue Art
nach einem neuen Schöpfungsgedanken durch übernatürlichen
Einfluß hervorruft. So wie der Monismus zur Erklärung des
Lebewesens keinen übernatürlichen Schöpfungsgedanken brauchen
kann, so ist es ihm auch unmöglich, die sittliche Weltordnung
von Ursachen abzuleiten, die nicht innerhalb der erlebbaren
Welt liegen. Er kann das Wesen eines Wollens als eines
sittlichen nicht damit erschöpft finden, daß er es auf einen
fortdauernden übernatürlichen Einfluß auf das sittliche Leben
(göttliche Weltregierung von außen) zurückführt, oder auf
eine zeitliche besondere Offenbarung (Erteilung der zehn
Gebote) oder auf die Erscheinung Gottes auf der Erde
(Christi). Was durch alles dieses geschieht an und in dem
Menschen, wird erst zum Sittlichen, wenn es im menschlichen
Erlebnis zu einem individuellen
199
Eigenen wird. Die sittlichen Prozesse sind dem Monismus
Weltprodukte wie alles andere Bestehende und ihre Ursachen
müssen in der Welt, das heißt, weil der Mensch der Träger der
Sittlichkeit ist, im Menschen gesucht werden.
Der ethische Individualismus ist somit die Krönung des
Gebäudes, das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft
erstrebt haben. Er ist vergeistigte Entwickelungslehre auf
das sittliche Leben übertragen.
Wer dem Begriff des Natürlichen von vornherein in engherziger
Weise ein willkürlich begrenztes Gebiet anweist, der kann
dann leicht dazu kommen, für die freie individuelle Handlung
keinen Raum darin zu finden. Der konsequent verfahrende
Entwickelungstheoretiker kann in solche Engherzigkeit nicht
verfallen. Er kann die natürliche Entwickelungsweise beim
Affen nicht abschließen und dem Menschen einen
«übernatürlichen» Ursprung zugestehen; er muß, auch indem er
die natürlichen Vorfahren des Menschen sucht, in der Natur
schon den Geist suchen; er kann auch bei den organischen
Verrichtungen des Menschen nicht stehen bleiben und nur diese
natürlich finden, sondern er muß auch das sittlich-freie
Leben als geistige Fortsetzung des organischen ansehen.
Der Entwickelungstheoretiker kann, seiner Grundauffassung
gemäß, nur behaupten, daß das gegenwärtige sittliche Handeln
aus anderen Arten des Weltgeschehens hervorgeht; die
Charakteristik des Handelns, das ist seine Bestimmung als
eines freien, muß er der unmittelbaren Beobachtung des
Handelns überlassen. Er behauptet ja auch nur, daß Menschen
aus noch nicht menschlichen Vorfahren sich entwickelt haben.
Wie die Menschen beschaffen sind, das muß durch Beobachtung
dieser selbst festgestellt wer-
200
den. Die Ergebnisse dieser Beobachtung können nicht in
Widerspruch geraten mit einer richtig angesehenen
Entwickelungsgeschichte. Nur die Behauptung, daß die
Ergebnisse solche sind, die eine natürliche Weltordnung
ausschließen, könnte nicht in Übereinstimmung mit der neueren
Richtung der Naturwissenschaft gebracht werden*.
Von einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat der
ethische Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung
ergibt als Charakteristikum der vollkommenen Form des
menschlichen Handelns die Freiheit. Diese Freiheit muß dem
menschlichen Wollen zugesprochen werden, insoferne dieses
rein ideelle Intuitionen verwirklicht. Denn diese sind nicht
Ergebnisse einer von außen auf sie wirkenden Notwendigkeit,
sondern ein auf sich selbst Stehendes. Findet der Mensch, daß
eine Handlung das Abbild einer solchen ideellen Intuition
ist, so empfindet er sie als eine freie. In diesem
Kennzeichen einer Handlung liegt die Freiheit.
Wie steht es nun, von diesem Standpunkte aus, mit der bereits
oben (5. 22 und 16) erwähnten Unterscheidung zwischen den
beiden Sätzen: Frei sein heißt tun können, was man will-und
dem andern: Nach Belieben begehren können und nicht begehren
können sei der eigentliche Sinn des Dogmas vorn freien
Willen? -- Hamerling begründet gerade seine Ansicht vom freien
Willen auf diese Unterscheidung, indem er das erste für
richtig, das zweite für eine absurde
* Daß wir Gedanken (ethische Ideen) als Objekte der
Beobachtung bezeichnen, geschieht mit Recht. Denn wenn auch
die Gebilde des Denkens während der gedanklichen Tätigkeit
nicht mit ins Beobachtungsfeld eintreten, so können sie doch
nachher Gegenstand der Beobachtung werden. Und auf diesem
Wege haben wir unsere Charakteristik des Handelns gewonnen.
201
Tautologie erklärt. Er sagt: Ich kann tun, was ich will. Aber
zu sagen: ich kann wollen, was ich will, ist eine leere
Tautologie. -- Ob ich tun, das heißt, in Wirklichkeit umsetzen
kann, was ich will, was ich mir also als Idee meines Tuns
vorgesetzt habe, das hängt von äußeren Umständen und von
meiner technischen Geschicklichkeit (vgl. S. 193 f.) ab. Frei
sein heißt die dem Handeln zugrunde liegenden Vorstellungen
(Beweggründe) durch die moralische Phantasie von sich aus
bestimmen können. Freiheit ist unmöglich, wenn etwas außer
mir (mechanischer Prozeß oder nur erschlossener
außerweltlicher Gott) meine moralischen Vorstellungen
bestimmt. Ich bin also nur dann frei, wenn ich selbst diese
Vorstellungen produziere, nicht, wenn ich die Beweggründe,
die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat, ausführen kann.
Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann, was es
selbst für richtig hält. Wer etwas anderes tut, als er will,
der muß zu diesem anderen durch Motive getrieben werden, die
nicht in ihm liegen. Ein solcher handelt unfrei. Nach
Belieben wollen können, was man für richtig oder nicht
richtig hält, heißt also: nach Belieben frei oder unfrei sein
können. Das ist natürlich ebenso absurd, wie die Freiheit in
dem Vermögen zu sehen, tun zu können, was man wollen muß. Das
letztere aber behauptet Hamerling, wenn er sagt: Es ist
vollkommen wahr, daß der Wille immer durch Beweggründe
bestimmt wird, aber es ist absurd zu sagen, daß er deshalb
unfrei sei; denn eine größere Freiheit läßt sich für ihn
weder wünschen noch denken, als die, sich nach Maßgabe seiner
eigenen Stärke und Entschiedenheit zu verwirklichen. --
Jawohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen, und das
ist erst die wahre. Nämlich die: sich die Gründe seines
Wollens selbst zu bestimmen.
202
Von der Ausführung dessen abzusehen, was er will, dazu läßt
sich der Mensch unter Umständen bewegen. Sich vorschreiben zu
lassen, was er tun soll, das ist, zu wollen, was ein andrer
und nicht er für richtig hält, dazu ist er nur zu haben,
insofern er sich nicht frei fühlt.
Die äußeren Gewalten können mich hindern, zu tun, was ich
will. Dann verdammen sie mich einfach zum Nichtstun oder zur
Unfreiheit. Erst wenn sie meinen Geist knechten und mir meine
Beweggründe aus dem Kopfe jagen und an deren Stelle die
ihrigen setzen wollen, dann beabsichtigen sie meine
Unfreiheit. Die Kirche wendet sich daher nicht bloß gegen das
Tun, sondern namentlich gegen die unreinen Gedanken, das ist:
die Beweggründe meines Handelns. Unfrei macht sie mich, wenn
ihr alle Beweggründe, die sie nicht angibt, als unrein
erscheinen. Eine Kirche oder eine andere Gemeinschaft erzeugt
dann Unfreiheit, wenn ihre Priester oder Lehrer sich zu
Gewissensgebietern machen, das ist, wenn die Gläubigen sich
von ihnen (aus dem Beichtstuhle) die Beweggründe ihres
Handelns holen müssen.
Zusatz zur Neuausgabe 1918. In diesen Ausführungen über das
menschliche Wollen ist dargestellt, was der Mensch an seinen
Handlungen erleben kann, um durch dieses Erlebnis zu dem
Bewußtsein zu kommen: mein Wollen ist frei. Von besonderer
Bedeutung ist, daß die Berechtigung, ein Wollen als frei zu
bezeichnen, durch das Erlebnis erreicht wird: in dem Wollen
verwirklicht sich eine ideelle Intuition. Dies kann nur
Beobachtungsresultat sein, ist es aber in dem Sinne, in dem
das menschliche Wollen sich in einer Entwickelungsströmung
beobachtet, deren Ziel darin liegt, solche von rein ideeller
Intuition getragene Möglichkeit des Wollens zu erreichen. Sie
kann erreicht werden, weil in der
203
ideellen Intuition nichts als deren eigene auf sich gebaute
Wesenheit wirkt. Ist eine solche Intuition im menschlichen
Bewußtsein anwesend, dann ist sie nicht aus den Vorgängen des
Organismus heraus entwickelt (s. S. 145 ff.), sondern die
organische Tätigkeit hat sich zurückgezogen, um der ideellen
Platz zu machen. Beobachte ich ein Wollen, das Abbild der
Intuition ist, dann ist auch aus diesem Wollen die organisch
notwendige Tätigkeit zurückgezogen. Das Wollen ist frei.
Diese Freiheit des Wollens wird der nicht beobachten können,
der nicht zu schauen vermag, wie das freie Wollen darin
besteht, daß erst durch das intuitive Element das notwendige
Wirken des menschlichen Organismus abgelähmt, zurückgedrängt,
und an seine Stelle die geistige Tätigkeit des idee-erfüllten
Willens gesetzt wird. Nur wer diese Beobachtung der
Zweigliedrigkeit eines freien Wollens nicht machen kann,
glaubt an die Unfreiheit jedes Wollens. Wer sie machen kann,
ringt sich zu der Einsicht durch, daß der Mensch, insofern er
den Zurückdämmungsvorgang der organischen Tätigkeit nicht zu
Ende führen kann, unfrei ist; daß aber diese Unfreiheit der
Freiheit zustrebt, und diese Freiheit keineswegs ein
abstraktes Ideal ist, sondern eine in der menschlichen
Wesenheit liegende Richtkraft. Frei ist der Mensch in dem
Maße, als er in seinem Wollen dieselbe Seelenstimmung
verwirklichen kann, die in ihm lebt, wenn er sich der
Ausgestaltung rein ideeller (geistiger) Intuitionen bewußt
ist.
204
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